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[Webmasterfriday] Dürfen virtuelle Existenzen lügen?

Wer sein Blogger-Hobby ernst nimmt, der wird für sich in Anspruch nehmen, seine Themen im Blog ernsthaft und wahrhaftig anzugehen und ebenso darüber zu schreiben.

Wie Hennig in seinem Beitrag zum Webmasterfriday schrieb, sind Satireblogs hiervon selbstredend auszunehmen. Auch wer fiktionale Geschichten veröffentlicht wird es mit der Wahrheit ebenfalls nicht ganz so genau nehmen – jedenfalls nicht in seinen Geschichten. :lol:

Medien berichten, bewerten und helfen uns, Informationen einzuordnen?

Ein angesehener Journalist, der heute längst nicht mehr aktiv ist und dessen Name mir leider entfallen ist, hat mal behauptet, er sei sicher, dass gute Journalisten ausschließlich Informationen und keine Meinung verbreiten. Das gelte insbesondere auch für ihn persönlich.

Diese Aussage habe ich deshalb nie vergessen, weil ich sie für ausgemachten Quatsch halte. Früher schon und heute sowieso.

Es war ein hehrer Anspruch, über den mit mir viele in diesen Internetzeiten ihre Mundwinkel kräuseln werden. Wir wissen, dass das Metier des Journalismus sich längst nicht auf die reine Vermittlung von Informationen beschränkt.

Nicht nur die öffentlich-rechtlichen Medien stehen unter strenger Aufsicht einer über alle Maßen kritischen Öffentlichkeit, sondern eigentlich alle, die noch irgendwie zu den Mainstream-Medien gerechnet werden.

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Aber wie objektiv und ehrlich sind wir Blogger?

Die Frage an uns Blogger, wie ehrlich wir in unseren Blogs sind, darf für meine Begriffe ruhig auf diese Ebene gehoben werden? Ein Vergleich mit „den Medien“, die oft so schlecht wegkommen, muss erlaubt sein!

Ist es vermessen zu fragen wie sich unsere Herangehensweise als Blogger an einen Artikel von professioneller journalistischer Arbeit unterscheidet? In vielerlei Hinsicht mag das vermessen sein. Viele von uns stecken in die Recherche kaum Zeit und Mühe. Wir sitzen vor unseren Geräten und erstellen unsere Texte. Manche machen das sehr gut, manche weniger.

Wir nehmen uns die Freiheit und das Recht zu publizieren. Das tun Journalisten unter anderen Voraussetzungen ebenso. Ich glaube, das macht für viele den Reiz des Bloggen aus.

Die Einschränkungen / Unterschiede

Kennt nicht jeder von uns zahlreiche Blogs, die seit Jahr und Tag ihre speziellen Sicht von Wahrheit verbreiten? Nicht nur die sozialen Medien haben ihren unseligen Anteil an der schlimmen Verrohung unserer Diskussionskultur. Blogs sind daran ebenfalls beteiligt. Es wäre auch merkwürdig, wenn es anders wäre, denn schließlich gibt es Blogger schon länger als die großen sozialen Netzwerke.

Es wäre aus meiner Sicht wünschenswert, würden wir uns alle einem gewissen Ethos verpflichtet fühlen.

Wahrscheinlich wären weitaus weniger Vorurteile gegen Flüchtlinge in der Welt und die Hysterie im Land um ein Vielfaches geringer. 

Es sind sehr viele kritische, in meinen Augen auch unerhörte, widerliche Texte. Deren Anzahl scheint seit Monaten zu überwiegen, und nach Köln besonders stark. Kaum etwas hat mich emotional stärker berührt, als die Veränderungen, die ich in der deutschen Öffentlichkeit während der letzten Monate beobachtet habe.

Ich bin einer von denen, die zu schnell dazu bereit sind, anderen Menschen eine miese Gesinnung und Schlimmeres zu unterstellen. Das nur deshalb, weil sie eine andere Meinung vertreten. Bestimmt merken LeserInnen das meinen Artikeln hier im Blog an. Wie stelle ich es an, die Fähigkeit zur Differenzierung zu erhalten, um überhaupt eine Chance zu haben, die Wahrheit in den Unmengen dieser mir so absolut fremder Aussagen zu finden? Es ist nicht schön, als blöder links-versiffter Gutmensch und Naivling bezeichnet zu werden.

Sollte eine Grenzziehung möglich sein, die sich auf ein einfaches Richtig oder Falsch begrenzt? Warum nicht? Ist es nicht unsere Pflicht, Menschen in Not zu helfen? Das heißt nicht, jede Restriktion abzulehnen oder nicht darauf zu bestehen, dass unsere Regeln für alle Menschen gelten, die in unserem Land leben (möchten).

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Vielleicht fragen Sie sich, was hat dieses Thema überhaupt mit der Frage zum Webmasterfriday zu tun? Die Frage danach, ob wir ehrlich sind, hat insbesondere mit diesem brandheißen Thema so gut wie alles zu tun. Es könnte die Nagelprobe dafür sein, wie wir es tatsächlich mit der Frage halten. Sind wir ehrlich oder nicht?

Ganz ehrlich: Mir wäre es am liebsten, alle Blogger würden ihre Haltung zu diesem Thema klar und deutlich äußern. Mit möglichst verständlichen Argumenten und mit Abwägungen, die jedem Leser die Position der Autorin oder des Autors vermittelt.

Hier im Netzexil tut sich nur noch sehr wenig. Kaum Leser, fast keine Kommentare. Da gibts mehrere Möglichkeiten. Eine ist, der Flüchtlingskram interessiert keinen. Die andere wäre, ich schreibe so beschissen, dass sich die Lektüre keiner zumuten will. Oder aber, meine Meinung zu diesem anstrengenden Thema entspricht so überhaupt nicht dem, was Sie darüber denken.

Mit diesem kleinen Exkurs offenbart sich, wie schwierig sich die Frage nach der Ehrlichkeit in Blogartikeln darstellt, jedenfalls bei sehr kontroversen Themen.

Noch mehr lesen? Noch mehr Information? 

Wir alle sind vermutlich sehr sicher, dass wir uns der Wahrheit verpflichtet fühlen. Keiner der Blogger, die sich am Webmasterfriday beteiligt haben, wird das für sich infrage stellen wollen. Aber inwieweit sind wir wirklich frei davon, unsere eigene, private Sicht der Dinge über unsere Artikel direkt oder indirekt rauszuhauen und dafür in Kauf zu nehmen, auch mal Fünf gerade sein zu lassen? Sind wir wirklich ehrlich und ist Ehrlichkeit immer identisch mit Wahrheit? Natürlich ist sie das nicht.

Verschwenden wir Gedanken daran, welche Wirkung unser Text draußen haben wird? Logisch, diese Frage hat viel mit der Reichweite unserer Blogs zu tun. Es macht einen Unterschied, ob in meinem Blog mit ein paar Tausend Besuchern im Monat etwas Kritisches über Flüchtlinge steht oder ob braune oder linke Hetzblogs im Internet ihre Lügen und Fantastereien ihren Fangemeinden anbieten, die zigtausendfach größer ist.

Der Kampfbegriff „Lügenpresse“ in seinen Variationen verfängt jedenfalls immer stärker. Wir wissen, dass vieles, was an Fehlleistungen der Mainstream-Medien öffentlich geworden ist, unsere Skepsis verstärkt hat. Die damit verbundene zusätzliche Verunsicherung vieler Menschen und die Komplexität globaler Prozesse entwickelt eine eigene Dynamik.

Es kommt mir so vor, als stünden bestimmte Medien in permanentem Verdacht, alles falsch zu machen. So einseitig und überkritisch sind die Urteile, die in den sozialen Medien und in einigen Blogs verbreitet werden, dass eine neutrale Orientierung und Betrachtung vieler Themen immer schwerer wird. Manche sind damit derart überfordert, dass sie vielleicht auch deshalb so oft von „Lügenpresse“ sprechen und schreiben.