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Lieder vom Hass oder: „Wenn das richtige Maß abhanden kommt“

Horst SchulteHorst Schulte

Also wirklich, man kann sich darüber aufregen, welche Papperl manche Journalisten uns Bloggern ans Revers zu tackern versuchen. Ronny macht das. Ich meine, vielleicht regt sich nicht wirklich auf. Er bezieht jedenfalls Stellung. Das tut er in epischer Breite und ziemlich unterhaltsam.

Waren im bisherigen Diskurs nicht schon alle Argumente ausgetauscht worden? 

Diesen kurzen aber sehr nachdenkenswerten Debattenbeitrag fand ich den ersten Leserbrief zum FAZ-Artikel:

„Wenn einer Epoche das rechte Mass abhanden kommt, bekommen die Menschen schlechte Regierungen, und wenn die Regierungen schlecht sind, kommt es zu Hunger und Krieg.” — Dies könnte eine chinesische Weisheit sein, ist es aber nicht. Die gegenwärtigen Zeiten sind trotzdem schlecht. Gestern, am Rande der nuklearen Katastrophe, sangen die Menschen Lieder vom Frieden, heute singen sie Lieder vom Hass. Zu einem Kommentar von R. Hermann schreibt ein Zeitgenosse: “Es gibt keine Zivilgesellschaft in den arabischen Staaten, aber jede Menge Mangel an Bildung und Sympathie für den allmächtigen Islam unterdrückt er doch ‘die Anderen’ … Jeder ‘gemässigte’ Muslim ist wesentlich näher daran sich diesen Menschen anzuschliessen als sich gegen sie zu stellen und ihre Opfer zu schützen.” — Shakespeare liess einst die Göttin der Hexenkunst sagen: “Denn, wie ihr wisst war Sicherheit des Menschen Erzfeind jederzeit.” (Macbeth,AktIII,Sz VI) LINK (Leserbrief von Joachim Adamek)
Vorbild „Vice-Magazin“: Die Ironie macht alle gleich – Feuilleton – FAZ

Journalismus

Joachim Adamek beschreibt gesellschaftliche Veränderungen, die im wahren Leben entstehen aber in meinen Augen maßgeblich durch das Internet angetrieben und verstärkt werden. Auch Blogs liefern (von den sozialen Netzwerken gar nicht zu reden) mit ihren Inhalten viel Stoff für Hass und Weltverschwörungstheorien. Keine Institution bleibt mehr ungeschoren. Auch die immer kürzeren Aufmerksamkeitszyklen sind in diesem Zusammenhang destruktiv. Wir denken nicht mehr lange über einen Sachverhalt nach. Was uns aber nicht daran hindert, ihn weiterzuerzählen.

Nicht Tatsachen, sondern Behauptungen prägen viel zu oft unser Bewusstsein. Wir befinden uns in einem Dickicht aus Propaganda und Desinformation. Oft werden diese Behauptungen zur Nachricht. Wir nehmen diese auf und tragen sie weiter (leider auch in ihren Blogs). Die Anzahl der Multiplikatoren ist durch das Internet um ein Vielfaches höher als zu Zeiten der Nutzung der „alten Medien“.

Wahrheit und Lüge

Wer hilft uns dabei zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden? Haben Journalisten diese Arbeit je anständig gemacht oder haben wir uns diesbezüglich nur etwas vorgemacht? Um unser Vertrauen in die Journalisten scheint ja ziemlich schlecht zu stehen. Aber wem trauen wir überhaupt noch über den Weg? Wenn man sich die Schimpftiraden im Internet anschaut, bleibt nichts mehr übrig – denke ich oft.

Das wäre doch mal ein Aufhänger für Journalisten. Aber soweit möchte man vermutlich nicht gehen. Im Schubladendenken sind wir richtig gut. Der Deutsche ist technikfeindlich, so heißt es ja gern.
Und wahrscheinlich übertreibe ich hier wieder einmal mit meiner Kritik am Internet.

Information oder Meinung

Es gibt tolle Blogs mit interessanten Informationen und eigenen Standpunkten, die eine Bereicherung für die LeserInnen darstellen. Aber wie verhalten sich diese Ausnahmen zum Ganzen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie jemals eine Alternative zum klassischen Journalismus sein können. Über die sozialen Netzwerke will ich erst gar nicht sprechen.

Anspruch und Wirklichkeit

Meine Motivation fürs Bloggen hatte nie was mit journalistischem Anspruch zu tun. Auch nicht mit dem Verlangen, ein Tagebuch zu führen. Vielmehr war es der Reiz der neuen technischen Möglichkeiten, die sich – damals noch auf eine Blogging-Plattform beschränkt – mehr und mehr entwickelten. Mit der Zeit habe ich mich vielleicht oder hoffentlich als Schreiber ein bisschen weiterentwickelt. Ich lese sogar ab und zu Seo-Seiten, obwohl ich bis heute davon nichts kapiert habe.

Hart ist es, wenn ich wieder mal feststelle, dass ich meinen Standpunkt unklar formuliert habe, oder wenn ich sehe, dass ich nicht richtig zum Punkt gekommen bin. Es kommt mir manchmal so vor, als hätte ich beim Schreiben die blödsinnige Erwartung, andere LeserInnen müssten stets meiner Meinung sein. Ganz oft ist es anders, und ich bin enttäuscht. Blöd.

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Da habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin 63 Jahre alt und lebe in einem kleinen Ort, nicht weit von Köln entfernt. Meine Hauptthemen hier im Blog sind Gesellschaft, Politik und Medien.

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