Ist di Lorenzos Wahlversagen tatsächlich Ausdruck von Überheblichkeit?

Da gehts wieder gegen die "Qualitätsjournalisten"

Giovanni di Lorenzo, Die Zeit - By Moritz Kosinsky (Own work) [CC-BY-SA-3.0-de, Wikipedia

Den „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo habe ich persönlich bisher noch nie als Repräsentanten einer Gruppe elitärer Journalisten zugeordnet. Da gibt es andere Kaliber. Mein persönlicher Eindruck ist, dass Knüwer, seit er nicht mehr für das „Handelsblatt“ schreibt, den Faden aufgenommen hat, der im Internet mit wachsender Vehemenz gegen „die Qualitätsjournalisten“ gesponnen wird.

Den Beitrag, den Herr Knüwer vorgestern in Sachen Wahlirrtum di Lorenzos vom Stapel gelassen hat, halte ich für ziemlich übel. Da wird lang und breit ausgeführt, wieso sich di Lorenzo diesen Fauxpas erlaubt hat. Leute wie di Lorenzo oder Joffe sind Knüwers Meinung nach zu abgehoben. Habe ich Knüwers Text etwa missverstanden?

Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen in diesem Fall gegen di Lorenzo aufgenommen. Damit dürfte der von anderer Seite zu erwartende Hinweis ausgeräumt sein, dass di Lorenzo nicht mal belangt würde, wohl noch rechtzeitig ausgeräumt worden sein. Denn ich bin mir sicher: Im Internet wäre auch das noch hinzugekommen.

Knüwer zitiert di Lorenzo und merkt selbst an, mit welch „erstaunlicher Selbstverständlichkeit“ dieser sein Outing ausgeplaudert hätte. Aus dieser Selbstverständlichkeit leitet Knüwer seinen Vorwurf der „elitären Arroganz“ ab. Und er hält natürlich weitere Beispiele bereit. Knüwer führt einige journalistische Fehlleistungen di Lorenzos namentlich auf. Knüwer demonstriert damit – vielleicht sogar ohne es selbst zu merken, wie arrogant das wirkt.

Statt ordentlich Kritik hagelt es Shares und jedenfalls zustimmende Kommentare (bisher insgesamt 17). Ich weiß nicht, was die Leute über Knüwers Attacke denken oder über di Lorenzos Fehlleistung. Ein Leser findet gar, dass di Lorenzo nun als Chefredakteur untragbar geworden sei. Er bezeichnet di Lorenzo als Blender und vergleicht ihn mit Guttenberg… Da war doch was… Tssts.

Die „Zeit“ ist auch in dieser für den Journalismus kritischen Zeit sehr erfolgreich und das wird wohl mit ein Verdienst dieses Giovanni di Lorenzos sein. Der Mann macht den Job nun schon fast 10 Jahre. Das kann schon neidisch machen.

Über Horst Schulte 6501 Artikel
Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Da habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin 62 Jahre alt und lebe in einem kleinen Ort, nicht weit von Köln entfernt. Meine Hauptthemen hier im Blog sind Gesellschaft, Politik und Medien.

2 Kommentare zu Ist di Lorenzos Wahlversagen tatsächlich Ausdruck von Überheblichkeit?

  1. Was mich an dieser ganzen Geschichte viel mehr irritiert, ist die Selbstverständlichkeit, mit der ein di Lorenzo die Doppelstaatlichkeit für sich reklamiert und interpretiert.
    Staatsbürgerschaft in den heutigen politischen Systemen bedeutet m.E. doch nichts anderes als Rechte, Pflichten und Loyalität gegenüber dem jeweiligen Staat als politische Organisation + Verwaltung einer Bürgerschaft/Zivilgesellschaft. Das ist doch nicht teilbar, oder doch?
    Ich hätte jedenfalls nichts dagegen, zu dem Zustand vor dem Großen Krieg 1914-1945 zurückzukehren, ohne Staatsangehörigkeiten und Pässe.

  2. Die Doppelstaatlichkeit ist ja auch nicht das Problem. Er hätte nur nicht mit beiden Pässen wählen gehen dürfen. Die wenigsten verstehen wohl, weshalb di Lorenzo diesen Fehler gemacht hat. Dazu hat sich übrigens heute Abend bei Maybrit Illner das Mitglied der Stern-Chefredaktion, Hans-Ulrich Jörges, geäußert. Sehr nett und positiv sprach er über di Lorenzo und nahm ihn vor den absolut lächerlichen Vorwürfen im Internet in Schutz.

    Angeblich hat ja die Staatsanwaltschaft gegen di Lorenzo Ermittlungen aufgenommen. Da bin ich gespannt, ob er wirklich verknackt wird. Das Vergehen kann mit einer Gefängnis- oder Geldstrafe geahndet werden.

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