Keiner weiß was Genaues, aber Prantl und Tichy kriegen sich trotzdem an die Köppe

Der gestrige ARD – Presseclub war wirklich nicht langweilig. Sehr unterhaltsam fand ich den Streit zwischen Tichy und Prantl, der sich in der „Nachspielzeit“ ereignete (ungefähr ab Min. 51).

Es war sicher gut, dass Herres zwischen den beiden Streithähnen saß. Er wirkte zwischen ihnen – mal lächelnd, mal ängstlich, ein wenig wie die Schiedsstelle, von der in auch in der Diskussion im Zusammenhang mit TTIP die Rede war. :-)

Wahrscheinlich fallen Prantls Argumente in Deutschland auf fruchtbareren Boden als die von Tichy. Das ist in meinen Augen vor allem deshalb kein Wunder, weil diese Verhandlungen verdächtigerweise streng vertraulich geführt werden. Und natürlich auch deshalb, weil wir ja keinem deutschen und erst recht keinem amerikanischen Politiker trauen. Unter diesen Voraussetzungen kann ja nix daraus werden.

Wenn Taktgeber/innen aus dem Takt kommen

Die Eurokrise ist ein Großlabor, das zeigt: Die verordneten Sparkurse funktionieren nicht. Absurd, dass Merkel jenseits der Grenzen aber darauf pocht. LINK
Kommentar EU-Stabilitätspakt : Merkel, die neoliberale Gouvernante – taz.de

Ein leicht verständlich geschriebener und dazu kurzer Text reicht leider nicht aus, um die Groko (insbesondere natürlich die CDU-Vorsitzende) davon zu überzeugen, dass dieser Irrweg der Revision bedarf.

Das liegt wohl daran, dass die alternativen Konzepte auch nicht so richtig zu überzeugen wissen.

Das System ist für die Menschen da, nicht die Menschen für das System

Angela Merkel hat mal von einer marktkonformen Demokratie gesprochen und ist dafür zu Recht heftig kritisiert worden. Manchmal denke ich allerdings, unser Gesundheitssystem ist längst auf dem Weg zur Marktkonformität. Es wirkt jedenfalls wie ein System, das überwiegend dazu da ist, an kranken Menschen viel Geld zu verdienen!

In unserem Gesundheitssystem stecken Unmengen von Geld. Ob es eigentlich noch Leute gibt (Experten inklusive), die noch halbwegs den Überblick behalten haben? Wenn ich mir Diskussionen über den Einsatz von Finanzmitteln vergegenwärtige, habe ich daran erhebliche Zweifel. Mir wurde zu oft von der Hebung vorhandener Effizienzen geredet.

Im Jahr 2012 wurden 300 Mrd. Euro für die Gesundheit ausgegeben.

Im Jahr 2012 erhielten in Deutsch­land rund 439 000 Menschen Hilfe zur Pflege. Gegenüber 2011 stieg die Zahl der Empfängerinnen und Empfänger um 3,8 %. Die Träger der Sozial­hilfe gaben 2012 netto rund 3,2 Milliarden Euro für diese Leistungen aus, 4,5 % mehr als im Vorjahr. LINK
Staat & Gesellschaft – Pflege – Zahl der Empfänger von Hilfe zur Pflege steigt 2012 auf 439 000 – Statistisches Bundesamt (Destatis)

Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass viel Geld, sehr viel Geld, in unserem Gesundheitswesen steckt.

Es ist schwer zu verstehen, dass nun Gerichte mit eigenen Initiativen gewisse Fehlentwicklungen bekämpfen müssen. 

Die Freiheitsrechte des Einzelnen zu achten und zu schützen und so lang wie möglich ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, „ist eine grundlegende Verpflichtung unserer Gesellschaft“. LINK
Psychopharmaka in Altenpflege – Spaziergang statt Pille – München – Süddeutsche.de

Ein Staat, eine Gesellschaft besteht nicht nur aus Politikern und Institutionen. Staat und Gesellschaft sind wir alle. Insofern muss man mit Schuldzuweisungen vorsichtiger umgehen, als wir es gelegentlich tun. Nur dann, wenn alle sich kümmern und so die selbstverständlichsten Menschenrechte für alte und kranke Menschen wieder als absolute Normalität im Bewusstsein aller Altersklassen unserer Gesellschaft verankert werden können, wird sich an den Fehlentwicklungen etwas verändern lassen.

Entwicklung Gesundheitskosten seit 1992 (Deutschland)
Entwicklung Gesundheitskosten seit 1992 (Deutschland)

Wir haben dabei zugesehen, wie in einer riesigen Versuchsanordnung dieser sensible Bereich für allerlei Experimente (genannt Reformen) in eine Richtung „weiterentwickelt“ wurde. Einflussreiche Partner und direkte Nutznießer des Systems nutzten ihren politischen Einfluss (Lobbyismus), um ihren Interessen Ausdruck zu verleihen. Sie taten dies mit Erfolg – was sich allein an der Anzahl der Reformen erkennen lässt. Inwieweit die Interessen der Bürgerinnen und Bürger dabei eine Rolle spielten, kann man bei Krankenhausbesuchen oder im Altersheim erkennen und zwar ohne einen besonderes kritischen Blick zu wagen. Von Eindrücken der Patienten und Bewohnern dieser Institutionen will ich gar nicht reden.

Es ist politisch umstritten, ob die Einführung ökonomischer Prinzipien im Gesundheitswesen überhaupt sinnvoll waren und inwieweit sie vor allem behaftet sind mit all den faulen Kompromissen bzw. inwieweit diese nicht zu noch größeren Ineffizienzen (Kosten) geführt haben könnten.

Wettbewerb, der keiner ist und der in diesem System vielleicht auch gar keinen Platz haben sollte, hat die Lage also eher nicht verbessert. Und wie geht es nun weiter?

Die GroKo senkte kürzlich die Krankenkassenbeiträge. Das geschah wie meistens, wenn der Staat uns Bürgern Geld „zurückgibt“, in eher homeopathischen Größenordnungen, die für viele kaum spürbar sind. Vielleicht ist es falsch, aber mich bringt das immer auf den Gedanken, dass der Staat solche Rückzahlungen lieber für andere sinnvolle Aufgaben einsetzen sollte. Aber dann könnten unsere Politiker nicht damit „angeben“, die Bürger wenigstens ab und an zu entlasten.

Auf der anderen Seite nutzen voraussichtlich alle Krankenkassen die Möglichkeit, uns Zusatzbeiträge abzuknöpfen. Sie bleiben zu 100% beim Arbeitnehmer hängen. Der Arbeitgeberanteil wurde mit 7,3% festgeschrieben. Das ist die Richtung! Auch in Zeiten der GroKo.

Auch in diesem Punkt unterscheiden sich CDU und SPD nicht voneinander.

Solche Maßnahmen sollen die Arbeitgeber entlasten und dem hehren Ziel dienen, die Lohnnebenkosten für die Unternehmen zu senken und damit ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Das sind Maximen, für die nicht alle Verständnis haben dürften. Vor allem nicht diejenigen unter uns, deren Einkommen in der Nach-Schröder-Ära ans Existenzminimum gebombt worden sind.

Das sind die Maßnahmen, die deutsche Politiker und Medien den Krisenländern in der EU als Vorbild andienen. Agenda 2010 für alle!

Die Intransparenz unseres Gesundheitssystems könnte auch die Insider längst an ihre Grenzen geführt haben. Die Flickschusterei (Reförmchen folgt auf Reförmchen), die oft aufgrund temporärer oder aktuelle drückender Engpässe eingerissen ist, spielt nur denen in die Hände, die das Gesundheitssystem umfassend privatwirtschaftlich organisiert sehen wollen.

Das muss aber nicht im Interesse der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes liegen. Wir können sicher etwas dafür tun, dass der Umgang mit alten Menschen in Pflege- und Altersheimen besser wird. Aber mit privaten Initiativen alleine wird das nicht zu schaffen sein.

Es erschließt sich wohl (fast) jedem, wer solche wahnsinnig originellen „Konzepte“ entwickelt und veröffentlicht. Ich fände es schön, wenn man verhindern könnte, dass solche „Überlegungen“ mit dem Begriff  „Soziale Marktwirtschaft“ verbunden werden:

die weitere Entkoppelung der Gesundheitsausgaben von den Lohnkosten, die Verstärkung des Wettbewerbs auf der Ausgabenseite und die Förderung von mehr Eigenverantwortung. LINK
Qualität, Wirtschaftlichkeit und IT-Effizienz des Gesundheitssystems vorantreiben! « Trend – Die Zeitschrift für Soziale Marktwirtschaft

Foto von: RonCC BY-NC-SA 2.0

Was ist schlimmer als krank im Krankenhaus? Alt und krank im Krankenhaus!

Das Betreten eines Krankenhaus hatte für mich von jeher etwas Unangenehmes. Schon der Geruch weckt bei mir negative Assoziationen.

Zuletzt hatte ich persönlich das zweifelhafte Vergnügen, mich ambulant einigen Untersuchungen unterziehen zu müssen. Da kulminieren die Angst vor den diagnostischen Strapazen mit der Sorge, dass man ernsthaft erkrankt sein könnte sozusagen aufs Vortrefflichste.

Und doch: für mich ist es etwas anderes, ob ich selbst krank bin und mich deshalb ins Krankenhauses begeben muss oder das einem Familienangehörigen oder einem guten Freund widerfährt, den ich dort „nur“ besuche. Es ist schlimmer für mich, wenn einer aus der Familie oder ein Freund so krank werden, dass sie ins Krankenhaus müssen.

Gestern kam meine Schwiegermutter (89) ins Krankenhaus. Natürlich ist das kein Pappenstiel für die alte Dame. Vor ungefähr 1 1/2 Jahren war sie zuletzt dort – im selben Krankenhaus und sogar auf derselben Station. Es hat sich wenig geändert. Und das ist nicht gut!

Ich möchte hier gar nicht auf Einzelheiten eingehen. Es liegt mir nicht daran, auf Ärzte und Schwestern zu schimpfen. Dafür besteht vermutlich auch am wenigsten Anlass. Und zwar wohl auch deshalb, weil ich glaube, dass man als indirekt Betroffene zu sehr subjektiven Sichtweisen neigt.

Die 4 Betten im Zimmer waren belegt. Die Luft war zum Schneiden, obwohl immerhin ein Fenster gekippt war. Aber es war draußen ziemlich sonnig und oberste Stockwerke, noch dazu mit Flachdach, neigen erfahrungsgemäß dazu, sehr schnell aufzuheizen.

Die jüngste Bettnachbarin schätze ich auf gut über 70 Jahre. Meine Schwiegermutter war vermutlich die Stubenälteste und machte – jedenfalls in diesem Moment – erfreulicherweise den frischesten Eindruck. Wie an Sylvester 2013 ging mir durch den Kopf, warum es in den diversen Krankenzimmern, in die ich im Vorbeigehen einen Blick werfen konnte, eine Art von Apartheit des Alters zu geben schien.

Oder gibt es im Krankenhaus (vielleicht nur in diesem?) einen so krassen „Überhang“ an alten Patienten? Da erfährt der demografische Wandel seine ganz konkrete Manifestation.

Kein jüngerer und halbwegs mobiler Patient kann helfen, wenn die Schwester die Bitte um eine neue Flasche Wasser beim Verlassen des Zimmers überhört haben sollte. Das verhindern die Gebrechlichkeit oder das schlechte Gehör der Zimmernachbarinnen. Aus diesen und anderen Gründen scheint die Kommunikation im Zimmer trotz aller Bemühungen meiner recht kontaktfreudigen Schwiegermutter nicht so recht in Gang zu kommen.

Ich muss es auf den Punkt bringen: Wer alt ist, ist auf die Hilfe der jüngeren Menschen in der Gesellschaft angewiesen. Und im Krankenhaus wird das auf ziemlich brutale Weise sichtbar. Die Gebrechlichkeit und Hilflosigkeit alter kranker Menschen kann belastend sein und anrührend. Ich gehe davon aus, dass jede und jeder Besucher eines Krankenhauses dies nicht anders wahrnimmt als wir es in diesen Tagen erneut tun.

Wir werden – so Gott will – alle alt. Ein frommer Wunsch und dazu eine banale Feststellung. Mit 60 Jahren bin ich verhältnismäßig nahe am Lebensalter der von mir hier bedauerten alten Damen. Wenn ich sehe, wie alleine, wie hilflos und auch wie trostlos das bisschen Leben im hohen Alter werden könnte, kriege ich nicht nur ein schlechtes Gewissen gegenüber vielen alten Menschen. Ich bekomme auch Angst vor dem, was meiner Frau und mir als kinderlosem Ehepaar bevorstehen könnte.

Man lernt bei Krankenhausbesuchen, dass sich kümmernde Familienangehörige und gute Freunde das Wertvollste sind, was ein Mensch gerade im Alter besitzen kann – zumal dann, wenn er krank ist. Das Pflegepersonal hat für die Handreichungen und den Zuspruch, auf die ein alter Mensch dringend angewiesen sein kann, keine Zeit.

Diese Lektion lernen die meisten Menschen, wenn sie ihre Besuche im Krankenhaus machen. Und wahrscheinlich deshalb haben so viele dieses mulmige Gefühl dabei. Man denkt immer auch ein bisschen an die eigene Zukunft und daran, was sein könnte.

Europa-Wahlen: Scheiß drauf, was die Leute in Deutschland gewählt haben

Stefan Kornelius, Süddeutsche Zeitung, warnt: „Juncker steht in der Schuld des EU-Parlaments“, falls er zum EU-Präsidenten gewählt werde. Er findet es also kritisch, dass Juncker von Beginn an die Unterstützung des EU-Parlaments bekommen hatte. Offenbar fürchtet er, als EU-Präsident könne Juncker sich den gewählten Parlamentariern verpflichtet fühlen. Ich kann nur sagen, dass ich dieses Demokratieverständnis eigenartig finde. „Europa-Wahlen: Scheiß drauf, was die Leute in Deutschland gewählt haben“ weiterlesen

Verschämt: Rente mit 63 – schon 12.000 Anträge wurden gestellt

Das ist ja wirklich eine Riesenüberraschung. Die Leute wissen doch tatsächlich, dass sie unter gewissen Bedingungen mit 63 Jahren ohne Abzüge in Rente gehen können. Es kommt noch doller. Die ersten 12.000 haben schon die entsprechenden Anträge gestellt.

Gerade die Rente mit 63 zeigt: Deutschland begünstigt beim Ausbau der sozialen Sicherung zunehmend die, die es nicht nötig haben. LINK
Kommentar: Run auf die Rente – Wirtschaftspolitik – FAZ

Woher will Frau Göbel wissen, was ich nötig habe und was nicht? Meine Rente wird vorerst noch reichen. So Gott will. Aber wer weiß schon, ob die feinen Wirtschaftsfachleute bei der bestehenden Unordnung nicht doch noch dafür sorgen, dass unser Geld nichts mehr wert ist. Kann ja alles passieren.

Da kriegt Frau Heike Göbel, Jahrgang 1959, aber so was von die Krise. Frau Göbel muss allerdings bis 64 Jahre (+ 2 Monate – also genau ein Jahr länger als ich!) malochen. Das wäre dann nicht mehr so furchtbar weit von der „normalen Regelung“ entfernt. Aber Frau Göbel wird bestimmt, dem Ganzen zuliebe, noch ein paar Jahre dranhängen. Soll sie! Ich gönn‘ es ihr.

Foto von: WinfriedCC BY-NC-SA 2.0