Lieber den Lauten machen

Von der Rüpelrepublik war ja nichts anderes zu erwarten. Da wird nach einem Prozess, den viele wegen des Betrages, um den es geht, lächerlich nennen, der ehemalige Bundespräsident von den Vorwürfen freigesprochen. Und was passiert? Die, die eigentlich allen Anlass dazu hätten, ihre Methoden selbstkritisch zu reflektieren, quittieren Wulffs Auftritt mit Häme und Spott. Ich habe kaum ein selbstkritisches Wort gehört oder gelesen. Viele halten die Klappe. Das Thema ist ja auch so was von durch.

Vielleicht haben (trotz schlechter Quote) einige den Fernsehfilm in SAT1 gesehen. Spätestens bei dieser Gelegenheit hätte es manchem dämmern können. Auch ein Präsidentenpaar leidet Qualen, wenn es gemobbt und schikaniert wird.  Aber für Leute, die Ämter inne haben – die irgendwie in der Öffentlichkeit stehen – scheinen wir nur noch eine Funktion vorzusehen. Auch als Blitzableiter für eigene Ängste und Frustrationen. Und die Profis, die Medien von Bild, Stern, Spiegel etc. kriegen die Kurve gar nicht. Sie legen nach und begründen, argumentieren und rechtfertigen ihre Menschenjagd.

Ich hatte im März letzten Jahres (ja, solange ist es her) eine E-Mail an Herrn Wulff geschrieben, als er um die Entscheidung ging, sich nicht auf den Vergleich einzulassen, der ihm vom Gericht in Hannover angeboten worden war. Sowas habe ich vorher noch nie gemacht. Aber in diesem Fall fand ich es richtig, zu zeigen, dass sich nicht alle rundweg gleichgültig oder ablehnend verhalten. Einerseits freut es mich, dass das Gericht Wulff freigesprochen hat. Andererseits ist mir bewusst, dass der Mann keinen Fuß in diesem Land mehr auf den Boden bekommt. Das Urteil der Rechtschaffenen scheint endgültig.

Hoffentlich merken wir, dass es im Laufe der letzten Zeit immer mehr und mehr Leute gibt, über die wir den Stab gebrochen haben und bei denen wir im Nachhinein klüger geworden sein sollten, weil vermeintliche Sachverhalte sich als falsch herausgestellt haben und Gerichtsurteile passiert sind, die Vorwürfe, die zur Vorverurteilung von Menschen führten, ad absurdum geführt wurden. Zu solchen Eingeständnissen scheinen wir aber immer wenig fähig oder willens zu sein.

Wulff hat sich sehr ungeschickt verhalten. Davon ist nach dem Prozess viel die Rede. Und moralisch einwandfrei waren seine Handlungen vielleicht auch. Nur fällt mir da ein Satz ein, den Jesus gesagt hat. Sogar die, die mit Religion nichts am Hut haben, werden ihn schon gehört haben. „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Wir beklagen uns gern darüber, wie groß der „Werteverlust“ sei, der immer sichtbarer wird. Aber dieser Wert scheint uns nichts, rein gar nichts mehr zu bedeuten. Uns geht es in der Hauptsache darum, dass das Ziel unseres Zorns  – irgendein Mensch, den wir nicht einmal persönlich kennen – , das bekommt, was es unserer Meinung nach verdient hat.

Und wenn dieser Mensch zerstört ist, wirklich buchstäblich am Boden liegt, dann geben wir (vielleicht – aber nur vielleicht) endlich Ruhe. Wir sind nicht einmal mehr bereit, darüber nachzudenken, dass wir vielleicht einen Fehler gemacht haben könnten, der irgendwann in der Zukunft auf uns zurückfallen könnte.

Ja, ich weiß. Das ist langweilig. Denn wir haben längst neue Ziele vor Augen, die unsere Aufmerksamkeit beanspruchen. Über zertrümmertes, menschliches Porzellan wollen wir nichts hören.

P.S.: Dies hier ist eine der niederträchtigsten Kommentare zum Freispruch, die ich überhaupt gelesen habe. Und das nicht nur, weil der Autor zweimal den Satz „Es ist vorbei.“ bemüht hat. Er beschreibt die ganze Sache wie jemand, der auch auf dem Feld der Politik an die Vorsehung glaubt und folgerichtig einen gewissen Fatalismus zeigt. Hätte Merkel nicht Wulff als BP „durchgedrückt“, wäre dem Mann alles erspart geblieben. Dabei spricht er selbst davon, dass Wulff dereinst der beliebteste Politiker Deutschland gewesen sei. Ja, was denn nun?!

[Teure Energiewende] Aber nicht für alle

Das hatten wir uns so aber nicht vorgestellt! Dabei wussten wir natürlich, dass die Energiewende, die nach Fukushima doch einigermaßen überraschend in Gang gesetzt wurde, nicht „zum Nulltarif“ zu bekommen sein würde.

Inzwischen beschäftigen Begriffe wie „Energiearmut“ die Republik. Damit sind die Leute gemeint, die Probleme damit haben, die exorbitanten Preiserhöhungen mit ihren deutlich geringeren Einkommenssteigerungen längst nicht mehr abgedeckt bekommen und deshalb sogar in existenzielle Schwierigkeiten geraten sind.

Man kann eben nicht alles haben. Einerseits günstige Energiekosten und eine wenigstens halbwegs gesunde Umwelt. Diese Gleichung geht nicht auf. Wie gesagt, vielen war klar, dass die Energiewende nicht ohne Preiserhöhungen würde abgehen können. „[Teure Energiewende] Aber nicht für alle“ weiterlesen

Wenn der „Tatort“ die Vorurteile bestärkt

Eigentlich wollte ich gerne „Wagner“ gucken. Gestern Abend im ZDF. Aber meine Frau hatte wieder einmal Recht, und wir landeten mit wenig Verspätung dann doch noch beim „Tatort„. „Wagner“ schien stinklangweilig (zu viel Walküre). Ich fand, der „Tatort“ war dagegen eine wirklich spannende und auch aus anderem Grund ziemlich aufregende Folge.

Aufgeregt hat mich das provozierende Benehmen der schwerkriminellen libanesischen Großfamilie. Womit ich schon wieder beim Thema Vorurteile gelandet wäre. Leider sind es wieder meine eigenen gewesen. Wie habe ich geschimpft und geflucht über diese Nichtsnutze, diese kriminellen Ausländer. Ihr hättet das nicht hören wollen. Glaubt mir. In manchen Szenen hatte ich in meiner Frau allerdings wider Erwarten eine Verbündete. „Wenn der „Tatort“ die Vorurteile bestärkt“ weiterlesen

Eimerweise Scheiß über Lanz

Der FAZ – Artikel von Herrn Seewald ist pures Lanz-Bashing. Ich möchte sagen, der Artikel ist der FAZ nicht würdig. Aber woanders liest man natürlich ganz Ähnliches. Sicher gibt es selbst für diese Sendung noch Moderatoren-Alternativen. Ob ich „Wetten dass…?“ allerdings wieder gucken würde, wenn die beiden Pro7 – Platzhirsche sie übernähmen, wage ich dann doch zu bezweifeln. Mir gefallen die nämlich auch nicht besser. Vorsichtig ausgedrückt.

Markus Lanz
Markus Lanz

Dem Autor des FAZ-Verrisses empfehle ich, mal gescheit zu recherchieren. Udo Jürgens wird nämlich in diesem Jahr 80 Jahre alt. Wer einen solchen Verriss abreißt, der sollte einigermaßen sicher in seiner Recherche sein. Sonst fällt der Mist, den man verzapft, nämlich ganz schnell auf einen selbst zurück. Wer das nicht glaubt, kann ja mal bei Lanz nachfragen.

Dem Gequatsche fernbleiben

Voreingenommenheit ist blöd. Natürlich auch, wenn man sie bei sich selbst feststellt. Oder vielleicht gerade dann. Aber was ist, wenn diese Voreingenommenheit durch das Lesen „falscher Informationen“ entstanden ist oder gefördert wurde?
Wir lernen ein Leben lang. Nicht weil Funktionäre von Unternehmen oder Politiker „lebenslanges Lernen“ als unabdingbar definiert hätten, sondern wohl eher deshalb, weil wir uns dem zum Teil jedenfalls schlicht und ergreifend gar nicht entziehen können. So ist es, wenn wir unter Leute gehen, die Zeitung lesen, den Fernseher anschalten – vom Internet und seinen multiplikativen Angeboten ganz abgesehen. Das ist vielleicht wenig spezifisches Wissen, das wir uns auf diese Weise aneignen, aber m.E. gehört der Erwerb von Wissen auf diesen Wegen auch mit dazu. „Dem Gequatsche fernbleiben“ weiterlesen

Joachim Gaucks frühe Einsichten

Heute gebe ich es unumwunden zu, Joachim Gauck hat mich als Bundespräsident enttäuscht. Nicht, dass er sich selten zu Themen äußert, zu denen ich gerne vom Bundespräsidenten etwas gehört hätte. Er hat sein Thema. Die Freiheit. Dagegen ist aus meiner Sicht überhaupt nichts einzuwenden. Gerade deshalb nicht, weil wir Deutsche zu ihr ein etwas angestrengtes, vielleicht sogar eigenartiges Verhältnis haben.

Seine Rede vor der Sicherheitskonferenz in München fand ich nicht gut. Dort hat er sich, wie manche Kommentaren meinten, unzulässigerweise in die Tagespolitik eingeschaltet. „Joachim Gaucks frühe Einsichten“ weiterlesen