DRadio Wissen: Interview mit Inge Hannemann
Inge Hannemann arbeitet(e) in einem Jobcenter in Hamburg. Sie erlebte aus erster Hand, wie es dort Hartz-IV-Empfängern erging. Irgendwann begann sie damit, über ihre eigenen Erfahrungen zu bloggen.
Ihren Blog führt sie seit April 2012. Ihr bisher letzter Beitrag »Hartz IV führt zur Erpressung« setzt also nach einem Jahr einen Kontrapunkt zu dem Gesülze, mit dem uns Politiker und etliche Wirtschaftsgrößen zum 10-jährigen Jubiläum dieses Teils der in diesen Kreisen hochgelobten Agenda 2010 beglückten.
Der Druck, der auf Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger im Besonderen ausgeübt wurde und der genauso politisch gewünscht war, hat weitaus mehr Auswirkungen auf eine Gesellschaft als nur statistische. Der Euphemismus vom »Fördern und Fordern«, von dem bei Lichte gesehen nur der zweite Teil funktioniert ist nicht weniger fragwürdig, wie die Aussage, die »Flexibilisierung des Arbeitsmarktes« habe zum starken Rückgang der Arbeitslosenzahlen geführt.

Armut Foto von Gabi Eder / pixelio.de
Richtig oder falsch, Wahrheit oder Lüge?
Die Arbeitsagentur hat neue Zahlen zur Entwicklung der Hartz – IV – Aufstocker in Deutschland vorgelegt. Die Medien kommentieren dies entsprechend ihrer politischen Ausrichtung. Besonders apart finde ich die Argumentation der FAZ:
Mehr Aufstocker über 800 Euro, weil mehr Menschen so viel verdienen
Und letztlich zeigten die Daten eine Verschiebung innerhalb der Aufstockergruppen: Es gebe weniger Personen, die zwischen 400 und 800 Euro im Monat verdienten und mehr, die mehr als 800 Euro erzielten. Dies zeige, dass Aufstieg im Arbeitsmarkt – wenn auch mühsam – gelinge und sei das Gegenteil von Abstieg.
Quelle: Arbeiten und Hartz IV: Weniger Aufstocker in Deutschland – Armut und Reichtum – FAZ
Immerhin räumt man ein, dass der Aufstieg mühsam sei. Dass der Kommentator der FAZ überhaupt auf die Idee kommt, einen Lohn von 800 Euro im Monat mit einem »Aufstieg« in Verbindung zu bringen zeigt, welch Geistes Kind er ist.

Mehr Statistiken finden Sie bei Statista
Seit 2009, erst seit 2008 wird eine Statistik darüber geführt, mussten Jahr für Jahr immer deutlich mehr als 1,3 Mio. Menschen aufstocken, weil ihr Lohn nicht ausreichend war. In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung wird von der »hässlichen Seite der Aufstocker-Statistik« geredet. Schröders Agenda hat unter anderem erst ermöglicht, dass Unternehmen Lohndumping als zentralen Punkt ihres Geschäftsmodells etablieren. Dass über diese »Möglichkeit« anerkannte Ökonomen vorher bereits lange Zeit fantasiert haben, sei nur am Rande erwähnt.
Es ist grotesk, wie unterschiedlich manche Medien den gleichen Sachverhalt darstellen oder jedenfalls betiteln:
1.) Immer mehr Hartz IV Aufstocker mit höherem Einkommen
2.) Immer mehr Menschen brauchen trotz Job Hartz IV – Aktuelle Nachrichten – Berliner Morgenpost – Berlin
3.) »Aufstocker«: Weniger Menschen mit Einkommen auf Hartz IV angewiesen – Deutschland – Politik – Wirtschaftswoche
4.) Mehr Menschen mit Einkommen im Land auf Hartz IV angewiesen – Stuttgart – Bild.de
5.) Hartz IV-Aufstocker: Arbeit reicht immer seltener zum Leben | Arbeit & Soziales - Frankfurter Rundschau
6.) Hartz IV: Bundesagentur: Zahl der Aufstocker geht zurück
Hartz IV – Land, ein Eldorado für neue Geschäftsmodelle
Die Minijob-Masche ist nur ein Aspekt, der klar macht, was Hartz IV tatsächlich ist. Dass sich manche Unternehmen darüber freuen und ihre Geschäftsmodelle vollkommen neu ausgerichtet haben, ist ja nur eine der vielleicht doch gewünschten Auswirkungen.
Ansonsten, denke ich, hätte man diese Armutsmaschine längst wieder stillgelegt.
Seltsam, dass unter diesen Voraussetzungen Schröders Agenda – Politik, deren wesentliches Element die Hartz – Reformen sind, immer noch in den Himmel gelobt werden. Selbst Leute, die diese »Erfolge« ebenfalls als zweifelhaft betrachten, sagen nicht klar, worin die von ihnen ausgemachten Vorteile für die Menschen und den Staat eigentlich gelegen haben sollen. (weiterlesen …)
Aussichten 2013: Schwindende Mittelschicht, sinkende Renten und mehr Aufstocker
Die vielen schlechten Nachrichten müssen politisch motiviert sein. Bestimmt will man uns so ein schlechtes Gewissen machen. Die Weihnachtsgans (kann sich die noch einer leisten?) schmeckt vielleicht nicht, wenn man solche Gedanken im Kopf hat.
Aber bei vielen Leuten wird das gar nicht mehr nötig sein. Die haben auch so schon genug Sorgen. Wer heute 50 und älter ist, läuft immer mehr Gefahr, einen Tritt zu kriegen und seinen »Vorruhestand« genießen zu dürfen. Wie man weiß, sind gerade die letzten Jahre im Berufsleben die wichtigen für die Höhe der Rente. Dann steht man (wenn alles einigermaßen normal verlaufen ist) nämlich im Zenit seiner persönlichen Einkommensentwicklung. Aber bei vielen ist das längst nicht mehr der Fall.
Später gibt es dann eine stark eingekürzter Rente. Selbst wenn der alte Sack noch einen Job finden sollte, dann zu Bedingungen, die ihn so oder so zum Hartz IV – Empfänger machen. Entweder er kriegt gar keinen Job mehr oder der wird so schlecht bezahlt, dass er aufstocken muss.

Hartz IV - Gerd Altmann/Shapes:AllSilhouettes.com / pixelio.de
Hartz IV hat 10jähriges: Angst ist gut, wenn sie dem Ganzen dient
Wir kennen und hassen die Arbeitsmarktreformen, die der SPD Bundeskanzler Gerhard Schröder vor 10 Jahren einleitete, unter dem Namen »Hartz IV«. Über ihren Namensgeber hüllt sich längst der Mantel des Vergessens. Die Agenda-Politik ist für die einen ein Synonym für sozialen Schiefstand und eine verschärfte Entsolidarisierung unserer Gesellschaft, für die anderen ist sie ein wichtiger Grundstein für ein »Jobwunder«, das wir in den letzten Jahren – trotz Finanz- und anschließender Schuldenkrise – erleben durften.
Die Hartz-Reformen haben zu einer Verhaltensänderung geführt. Der Stress-Level ist selbst für diejenigen gestiegen, die objektiv gar nicht durch Arbeitslosigkeit gefährdet sind. Deshalb ist der Zorn in der Bevölkerung über die Reform trotz der Beschäftigungserfolge noch immer groß.
— Hilmar Schneider vom Institut der Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn
Weiter sagte Schneider sinngemäß: Die Angst vor dem sozialen Absturz bewirke, dass man auch Jobs annehme, die weniger gut bezahlt oder weniger angenehm seien. Tatsächlich aber sei die Angst positiv zu sehen, denn sie verhindere, dass immer mehr Menschen in die Falle der Langzeitarbeitslosigkeit tappten. (weiterlesen …)

Kersten Schröder / pixelio.de
Merkels Geschwätz zum Betreuungsgeld: “Das ist ein Gebot der Fairness….”
An ihren Worten sollt ihr sie erkennen! Dazu haben wir gerade mal wieder Gelegenheit. «Das ist ein Gebot der Fairness». Mit diesem Satz versuchte Merkel gerade eben, die auch koalitionsintern geführte Debatte um das Betreuungsgeld zu beenden.
Ein »Gebot der Fairness« gilt allerdings Pressemeldungen zufolge nicht für die, die das Geld am Nötigsten brauchen. Allerdings passt es ins Bild, dass es an Hartz IV – Empfänger zwar auch ausgezahlt, dann aber wieder vom Hartz IV-Regelsatz abgezogen werden soll. Ähnlich hat man dies bereits beim Kindergeld »geregelt«. Auch zu dieser Regel gab es Proteste. Das hat an der Entscheidung nichts geändert.
Die Entscheidung, Hartz IV – Empfängern kein Betreuungsgeld für ihre Kinder zu geben ist in sich konsistent. Die Regierung kann jetzt damit argumentieren, dass Hartz IV – Empfänger das Betreuungsgeld nicht erhalten. Das ist ja der Personenkreis, der nach Meinung der Gegner des Betreuungsgeldes ohnehin nicht zweckgemäß damit umgehen würde.
Oder lässt diese Finte der Regierung auch andere perverse Schlussfolgerungen zu?
Foto: Kersten Schröder / pixelio.de
Soziale Kälte am warmen Studiotisch
Im heutigen »Presseclub« der ARD wurde das »deutsche Jobwunder« behandelt. Einige Teilnehmer vermittelten einmal mehr den Eindruck, dass es den deutschen Arbeitnehmern, sofern es diesen so überhaupt noch gibt, nicht anderes im Sinn hätten, als den Wunsch, es sozusagen schön warm und gemütlich zu haben. Eine Bereitschaft zur Veränderung, keine Flexibilität und nur Gestöhne auf höchstem Niveau. Solche Leute schreiben das angebliche deutsche Jobwunder Schröders gnadenlosen und immer noch unausgegorenen Hartz-IV-Reformen zu. Arbeitslose wurden »gezwungen, schneller andere Stellen anzunehmen, auch wenn sie nicht so gut bezahlt wurden«. So kann man sich diesen ganzen Dreck natürlich schönreden. Von den Menschen, die durch diese gesellschaftliche Errungenschaft ins Aus gedrängt wurden, reden diese Pappnasen natürlich nie.
Das ganze Gequatsche bringt mich immer wieder und immer schneller auf die Palme. Irgendwann – vielleicht schon bald – wird die deutsche Konjunktur wohl auch wieder abkühlen. Abgesehen von den unübersehbaren Auswirkungen der europäischen Schuldenkrise sorgt dafür ein Zyklus, der im Grunde heute ganz ähnlich funktioniert wie vor hundert Jahren. Die Wettbewerbsvorteile der deutschen Wirtschaft wurden erkauft mit Niedriglöhnen und anderen Restriktionen, die vor allem die Schwachen in unserer Gesellschaft getroffen haben. Das Beschissene daran ist, dass die Zukunftsangst der Leute, die zwar davon (noch) nicht betroffen sind, auch dazu führt, dass das soziale Klima in diesem Land insgesamt immer mieser wird. Die Einstellung vieler Leute gegen Hartz-IV-Empfänger und gegen sozial Schwache insgesamt wird jedenfalls nach meinem Eindruck immer schlechter.
Die Beiträge der heutigen TeilnehmerInnen der Journalistenrunde strahlten geschlossen eine große soziale Kälte aus – Prof. Hickel ausgenommen
Wahrscheinlich liegt es daran, dass sie zwar über Lebensbedingungen reden – aber eben nicht über die eigenen.
Gerechtigkeit oder Spaltung der Gesellschaft?
Während manche klug darüber referieren, dass der Begriff Gerechtigkeit abstrakt sei und vorwiegend ideologisch genutzt und somit missbraucht werde, bekommen wir die Lebensrealität von immer mehr Menschen vor Augen geführt.
Sicher, viele empfinden (in diesem »sozialdemokratisierten« Deutschland) die soziale Schieflage als ungerecht. Dabei ist eine große Portion Neid im Spiel, weniger die Sorge um andere Menschen, denen es schlechter geht als uns selbst. Mein Eindruck ist, dass Nachrichten wie diese »Spiegel«-Meldung viele gar nicht mehr erreichen. Oder spricht die Tatsache, dass der Artikel im Moment weit oben auf der Rivva-Seite steht, vielleicht dagegen? Ich glaube nicht. Gerade die Nutzer sozialer Netzwerke empören sich schnell über einen vermeintlichen Missstand, vergessen ihn aber erfahrungsgemäß genauso schnell wieder.
Und ich höre wieder häufiger das Schimpfen über Sozialschmarotzer. Nicht selten sind es »die Ausländer«, denen die Schuld an überbordenden Sozialausgaben zugeschoben wird. Ich hatte gehofft, wir hätten wenigstens diesen Teil der Debatte längst hinter uns. (weiterlesen …)
Humankapital – eigentlich definiert der Begriff den Stellenwert des Menschen in der Arbeitswelt ganz gut
Würde ich mit fast 58 Jahren arbeitslos, wäre ich in einer ziemlich beschissenen Situation. Und zwar zunächst einmal ganz unabhängig davon, ob die Rente mit 67 am 1. Januar 2012 Realität wird und ich deshalb theoretisch ein paar Monate länger arbeiten müsste.
Mit 58 bekäme ich zwei Jahre lang Arbeitslosengeld und müsste diese Zeit vermutlich komplett dafür nutzen, solche Erläuterungen für Kunden der Arbeitsagentur (81 Seiten) zu studieren. Das macht einen ähnlich aufwändigen Eindruck wie »der Prozess« von Franz Kafka. Gut, ich übertreibe — etwas.
Die Perspektiven und Chancen am Arbeitsmarkt sind trotz der »glänzenden« Zahlen, auf die unsere Regierung gern verweist, für ältere Arbeitnehmer immer noch zu schlecht. Und darüber redet die Republik seit Jahren. Die Änderung des Renteneintrittsalters wird aber trotzdem, wie geplant, »durchgezogen«.
Auch an den vielfach beklagten und längst identifizierten Ungerechtigkeiten für Hartz-IV-Empfänger wurde ja in den vergangenen Jahren kaum etwas geändert. Längst bekannte, ungenaue Gesetzestexte wurden nicht verändert. Da ist es schon sehr seltsam, wenn sich Politiker auf der anderen Seite über die zunehmende Zahl von Klagen vor den Sozialgerichten beklagen. (weiterlesen …)