In den Medien wird die Revolution 2.0 gefeiert. Schenken wir uns die Diskussion darüber, ob das tolle Internet mit seinen Möglichkeiten seinen Beitrag zur Befreiung der Ägypter geleistet hat und wenden wir uns dem zu, was jetzt kommt. Das ist spannender.
[W:Peter Scholl-Latour] schloss einen Ägypten-Beitrag in »Hören und Sehen« mit der wenig erquicklichen Aussage ab: Der Westen hat einfach alles falsch gemacht. Wenn man Obamas letzte Rede kurz vor Mubaraks wirklich furchtbarer TV-Ansprache gehört hat, kann diese als Beleg für Scholl-Latours Aussage nehmen.
Obama wollte sich immer noch nicht zu einem klaren Bekenntnis für die Freiheit der Ägypter durchringen. Mit Rücksicht auf seine Verbündeten im Nahen Osten, erklärte die Presse uns dieses Versagen. Die deutsche Regierung äußerte sich nach und nach ein bisschen deutlicher. Klare Bekenntnisse zu Freiheit und Demokratie sehen anders aus! Vielleicht erleben wir schon bald, dass wir ein bisschen mehr Verständnis für das Zögern hätten haben können. Im arabischen Raum hat eine Zeit des Umbruchs begonnen. Wie das ausgehen wird und ob nicht am Ende tatsächliche islamische Gottesstaaten entstanden sein werden, müssen wir abwarten. Jedenfalls meint Scholl-Latour, dass in Ägypten ein solcher diesem Regime nachfolgen wird. Die Muslimbruderschaft hält er übrigens für »inzwischen gemäßigt«.
Wer auch immer an die Macht kommt, wird eine islamische Republik proklamieren. Im günstigsten Fall nach dem Vorbild der Türkei, im schlimmsten Fall wie Pakistan. (Peter Scholl-Latour im Interview)
Ich wusste bisher gar nicht, dass es sich bei der [W:Türkei] um eine islamische Republik handelt. Laut Wikipedia ist sie dies auch nicht. Es handelt sich um eine Demokratie (allerdings mit einer Bevölkerung, die zu 99% aus Muslimen besteht). Ich finde, auf solche feinen Unterschiede sollte man einfach achten. Im Fall [W:Pakistan] ist das natürlich etwas völlig anderes? Pakistan ist eine »islamische Republik«. Und doch herrschen dort nicht Islamisten, wie es die Aussage suggeriert, sondern Militärs. Auch Pakistan ist ein unfreies Land, dessen Regime aus geo-politischen und taktischen Gründen von den Amerikanern gestützt wird – vom Westen insgesamt.
Keine fanatischen Gotteskrieger
Scholl-Latours Denkweise macht uns deutlich, wie wir im Westen über die Menschen in den arabischen Länder denken, wie voreingenommen wir sind. Bei dieser Art von Berichterstattung dürfen wir uns darüber auch nicht wundern. Das Aufbegehren der Menschen gegen die dortigen Regime entsprach so gar nicht dem, was ich im Fernsehen oder unseren Zeitungen über deren Fanatismus seit Jahren vorgeführt bekam. Ich habe die Menschen in Arabien nach und nach mit anderen Augen gesehen.
Plötzlich sahen wir nicht mehr in hasserfüllte Gesichter von Menschen, die Flaggen westlicher Länder verbrannten, sondern Leute, die für ihr Freiheit und Demokratie kämpfen. Angeblich geht das doch gar nicht zusammen! Muslime und Demokratie. Wurde nicht genau dieser Eindruck von unseren Medien vermittelt? Und wir haben es geglaubt, zumal nach dem 11. September und den vielen anderen Anschlägen muslimischer Terroristen auf der Welt. Das Ziel, Demokratie zu stiften wurde aufgegeben – in Afghanistan und im Irak. Man soll’s nicht glauben aber offenbar haben Menschen ihren eigenen Willen und sie möchten den Zeitpunkt bestimmen, zu dem etwas geschieht – vor allem im eigenen Land. Unterscheiden sich Muslime darin so sehr von uns Christen?
Die Leute, die die Revolution angezettelt haben, sind junge Menschen. Die Arbeitslosigkeit in Ägypten ist gerade unter den jungen Leuten extrem hoch. Es fehlen persönliche Perspektiven und man hat es dem bisherigen Regime nicht zugetraut, daran etwas zu ändern. Stattdessen mussten sich die Menschen mit der Erkenntnis begnügen, dass die Machthaber durch Korruption riesige Vermögen angehäuft haben. Ich las, dass Mubarak ein Privatvermögen von 40 Mrd. $ haben soll. Seine Clique hat das Land ausgebeutet. Für die Menschen blieb nichts. So ganz fremd sind uns Teile dieser Realität nicht, nur kann man die Verhältnisse insgesamt eben überhaupt nicht vergleichen.
Es wird jetzt darum gehen, die Hoffnungen der 83 Mio. Ägypter nicht zu enttäuschen und die Frage ist, welche Personen es wohl sein werden, denen diese Aufgabe nach den hoffentlich bald stattfindenden Wahlen zukommen wird. Die Aufgabe dürfte sehr schwer sein und angesichts der großen wirtschaftlichen Probleme wird das Land so bald aus seiner Krise wohl auch nicht herauskommen. In Algerien geht derweil der Kampf um die Demokratie weiter. Richtig interessant wird es, wenn die Verbündeten der USA stärker unter Druck geraten. Vielleicht hat der Westen dann noch einmal eine Chance. Dann sollte er nicht so jämmerlich versagen, wie er es im Fall Ägyptens leider getan hat. Es wurde so viel Kraft und Geld in den Kampf gegen den Terrorismus gesteckt. Hätte man doch nur einen Bruchteil davon in die ägyptischen Menschen investiert. Von Obama bin ich maßlos enttäuscht. Noch ist das nicht geschehen aber irgendwann wird die Frage Platz greifen, ob die bedingungslose Unterstützung israelischer Interessen den Preis wert gewesen ist.
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