Markus Lanz glaubt, das Internet entfaltet eine destruktive Wirkung auf unsere Gesellschaft

… weil ich sehe, wie absolut jeder, der in irgendeiner Form in der Öffentlichkeit steht, angegriffen wird, und zwar meistens anonym im Netz. Ich glaube, wir werden das irgendwann mal infrage stellen müssen, weil es auf uns als Gesellschaft zersetzend wirkt.

Markus Lanz im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger – Ausgabe vom 23.2.2013

Ich glaube ja, da ist was dran. Fan von Markus Lanz bin ich nicht, aber die Art und Weise der Kritik, die seit der Übernahme von “Wetten dass…?” auf ihn niederprasselt, ist weder fair, noch sachlich begründbar. Schlechter als Gottschalk moderiert er diese Sendung doch wohl nicht?! Aber auch der hat insbesondere im Web ja stets sein Fett abgekommen.

Vielleicht liegt es (auch wieder) an meinem Alter?! Allerdings denke ich, als Digital-Natives gehen viele Web-User heutzutage wohl ebenfalls nicht durch. Dafür ist das alles immer noch zu neu. In letzter Zeit schreibe ich häufig mal vom “Scheiß-Internet”. Das macht meine Wut deutlich, die meinen eigenen Transformationsprozess vom Anhänger und glühenden Fan des Internets hin zum skeptischen Kritiker mehr und mehr prägt.

Eigentlich ist es egal, welches Thema wir herauspicken. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Medien. Im Internet scheint jeder zu allem eine eigene Meinung zu haben – ich natürlich eingeschlossen. Ist doch prima, sollte man meinen. Demokratie pur. Alle Viele machen mit.

Persönlich habe ich immer schon gerne diskutiert. “Zuhören ist nicht deine Stärke”, meint mancher, der mich gut kennt. Etwas zu bestimmend wirke ich, wenn der Gaul mit mir durchgeht. Neben meinen Freunde im wirklichen Leben empfindet das vielleicht mancher Mitdiskutant im Web auch so. Aber es geht nicht darum, unterschiedlicher Meinung zu sein oder dieses und jenes auf die eine oder andere Art zu vertreten. Das ist es nicht.

Es geht um das Wie. Wie vertreten wir unseren Standpunkt? Ganz unabhängig davon, auf welcher Plattform wir gerade unterwegs sind – ob in einem Social Network, einem Forum oder einem Blog. Vielleicht liegt es stark an der Redundanz, an der ständigen Wiederholung von Standpunkten und gleichen/ähnlichen Argumenten. Dahinter “verbergen” sich überwiegend [sic?] Personen, die man nicht kennt – jedenfalls nicht persönlich. Nicht nur, weil viele anonym sind und bleiben möchten, sondern wohl in erster Linie deshalb, weil man den Personen nicht Aug in Aug gegenüber steht. Viele benehmen sich wie rücksichtslose Autofahrer. Sie fühlen sich sicher in ihrem Schutzraum auf vier Rändern. Hinzu kommt, dass die vermeintliche Sicherheit im Netz allzu viele dazu verleitet, den Respekt vor Menschen mit anderen Meinungen zumindest für den Moment beiseite zu legen.

Menschen machen Fehler. Man ist sich entweder von Herzen zugetan oder man kann den anderen nicht ab. Ich glaube, dass es nicht zuletzt davon abhängt, wie man auch in einer Diskussion miteinander umgeht. “Die Chemie muss stimmen”. Das ist immer noch ein Kriterium, wenn sich eine möglichst erfolgreiche Gruppe von Menschen zusammenfinden soll. Im Internet kann das keine Rolle spielen.

Einerseits wird gesagt, dass die Komplexität unserer Welt mehr und mehr zunimmt. Andererseits haben viele aber gar nicht die Zeit und auch nicht die Lust, sich mit komplexen Sachverhalten so auseinander zu setzen, dass sie auf der Höhe der Materie sind. Trotzdem bilden wir uns eine Meinung. Unter dieser Voraussetzung stellt sich schon die Frage, ob man diese Meinung nicht für sich behalten soll. Aber wo kämen wir da hin? Schließlich gilt: “Jeder hat das Recht auf meine Meinung” oder “es wurde dazu bereits alles gesagt, nur noch nicht von jedem”. Brillante Bonmots und so überaus treffend.

Von denen natürlich mal abgesehen, die mithilfe ihrer Kompetenz tatsächlich dazu in der Lage sind, eine Diskussion zu befruchten und weiterzubringen. Aber wer sollte das entscheiden? Demokratie ist wie sie ist. Sie lebt, wie Gauck gestern in seiner Europa-Rede wieder gesagt hat, vom Mitmachen. Aber machen wir mit, wenn immer mehr ein destruktiver Geist die Kommentarspalten beherrscht?

Stellen wir nicht neben der Politikerverdrossenheit (Politikverdrossen will man ja angeblich nicht sein!) längst auch eine Demokratieverdrossenheit fest? Wie sonst wären sonst die bösen und oft auch ein Stück weit verschwörungstheoretischen Kommentare zu deuten, mit den das Internet proppen voll ist?

Wahrscheinlich wollen viele über so etwas gar nicht nachdenken. Sie rotzen ihre Unverschämtheiten ins Web und verziehen sich wieder. Für sie scheint es halt nur wichtig zu sein, dass sie ihr Terrain markiert haben.

Bild: Gerd Altmann  / pixelio.de

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Herzlichen Dank.

Horst Schulte

Das Internet bietet mir die Möglichkeit, die ganze Welt (jedenfalls die deutschsprachige) mit meiner Meinung zu beglücken. Die Chance kann ich mir nicht entgehen lassen.

7 Antworten

  1. Stadtneurotiker sagt:

    Nun ja, die Geschwindigkeiten und Verbreitungsmöglichkeiten sind im Netz als damals™.

    Allerdings sitzt Markus Lanz selbst im Glashaus, wenn er in seiner Talksendung gegenüber Martin Lohmann eindeutig Position bezieht, dabei die Rolle des Moderators verlässt und damit das Studiopublikum auf seine Seite zieht, und der Gast eigentlich keine Gelegenheit mehr bekommt, seine (kruden) Thesen zu vermitteln. Und dann dürfen noch irgendein Fußballer und eine Dschungelcamp-Teilnehmerin ihren Senf dazu geben, der natürlich Lanz und seinem Publikum zuspielt. Aber wahrscheinlich betrachtet er das als seine journalistische Pflicht, wie er auch gerne gegenüber Piraten den Investigativen heraushängen lässt, während andere prominente Politiker (Partei egal) sich von ihrer Schokoladenseite zeigen dürfen.
    Da kann er dann auf einmal auch kurz zuhören.

    • Horst Schulte sagt:

      Krude Thesen habe ich schon von ihm gehört. In seiner Talkshow etwa. Ich mag ihn nicht besonders. Aber ist er denn der einzige, der so angegangen wird oder ist es nicht eher so, dass im Grund jeder auf die Fresse kriegt, der, wie er sagte (s. Zitat) ein bisschen länger in den Medien sein Gesicht zeigt?

      Lanz wird dafür kritisiert, dass das Niveau von “Wetten dass…?” nicht hoch ist. Hast du den Eindruck, dass es unter Gottschalk höher war? Die “Interviews”, die dieser mit “seinen amerikanischen Freunden” geführt hat, waren doch z.T unsäglich. Da war doch auch Fremdschämen angesagt.

      Witzig, dass du nur über Lanz geschrieben hast. Eigentlich war er bzw. sein Zitat ja nur der Aufhänger für meine Gedanken zum allgemeinen Niveau im Internet.

      • Stadtneurotiker sagt:

        Du beziehst Deine Gedanken auf ein Zitat Markus Lanz, und ich habe mich eben darauf bezogen. (Die von mir erwähnten kruden Thesen bezogen sich auf Lohmann, nicht auf Lanz.).

        Man darf auch nicht vergessen, daß viele Mediengesichter viel häufiger zu sehen sind als vor zehn oder 20 Jahren. Lanz ist durch seine Talkshow omnipräsent. Die Zahl der Promi-Quizsendungen und Talkformate, wo man sich untereinander selbst einlädt, trägt auch zu mehr Präsenz bei.
        Gottschalk hat eine Zeit lang nur »Wetten dass« moderiert und tauchte dazwischen ab.
        Oder war ein Koch wie Alfons Schuhbeck vor zehn, 20 Jahren gefühlt dreimal in der Woche im Fernsehen zu sehen?

        Zu Politik(er)verdrossenheit: Da gilt das Gleiche. Zweimal Bosbach in der Woche, zweimal Brüderle in der Woche, zweimal Trittin in der Woche, die immer gleichen Aussagen und Argumente – tja, irgendwann packen es viele nicht mehr.
        Und wer zwingt die FAZ dazu, daß Markus (?) Lauer dort in blumigen Worten seinen Abschied von Twitter erklären darf?

        Vielleicht sind die Shitsorms auch ein Result der Überdrüssigkeit ob vieler Fernsehnasen. Die Möglichkeit, daß man sich im Netz schnell Luft verschaffen kann, spielt natürlich eine Rolle.

        Zum Vergleich Gottschalk – Lanz:
        Ich bin bei Gottschalk befangen. In meiner Jugend war er ein Radioidol für mich. Aber wahrscheinlich geben sich beide wirklich nicht viel.
        Ich hätte die Sendung mit Gottschalks Abschied eingestellt und mir die Zeit genommen, ein neues Format zu entwickeln.

        • Horst Schulte sagt:

          Ich erinnere mich an Lohmann. Der war ja davor bei Anne Will, glaube ich. Über Lohmann kann man ja denken, was man will aber stromlinienförmig ist der nicht. Der hat seinen eigenen Kopf und seine Argumente waren nicht so schlecht – bei Lanz meine ich. Aber das war ja ein ganz anderes Thema. Aber das Verhalten von Lanz hast du schon richtig beschrieben!

          Das mit der Omnipräsenz ist ein wichtiger Punkt. Ich kann diese ganzen Showmaster und Schauspieler, die ständig zu sehen sind, irgendwie nicht mehr leiden. Dabei kann ich das nicht mal richtig begründen. Man sollte sich, wenn man klug ist, ruhig etwas rar machen. Aber die brauchen halt auch die Kohle.

          Ich glaube, der heißt Christopher Lauer. Ist ja auch egal. Das war auch interessant, zumal der Verzicht auf Twitter bei den Piraten ja wohl nicht so gut angekommen sein dürfte. Lieber schreibt Lauer natürlich für die FAZ. Rechnet man dann noch den einen oder anderen TV-Auftritt dazu, ist die Reichweite natürlich eine andere als mit Blog, Twitter und dem ganzen Gerümpel. :-) Bloß sagt das natürlich auch nichts über die Qualität der Politik aus. Außerdem gibt es innerhalb der Partei immer neuen Zoff.

          Ja, früher fand ich Gottschalk auch sehr gut. Aber das war Anfang der 80er (oder?) Wie hieß die erste TV-Sendung noch mal (Nanu oder so ähnlich?). Da hatte er immer was mit Jauch am Laufen. Das fand ich richtig lustig. Wir sind eben auch schwer verwöhnt und stellen entsprechend hohe Anforderungen an das Personal. :-)

  2. Farlion sagt:

    Es wird nicht mehr gelästert und geschimpft als vor dem Internet. Nur heute bekommen es alle mit. Gesellschaftszersetzend ist das m.E. nicht, ich sehe es eher als Spiegel der Gesellschaft, der vor dem WWW eben zu beschlagen war, um etwas zu sehen.

    • Horst Schulte sagt:

      Es ist zu beobachten, wie die Medien (die klassischen) auf gewisse Erscheinungen (wie Shitstorms) inzwischen reagieren. Und auch wie schnell. Das wiederum färbt auf die Politik ab. Da werden Dinge thematisiert, die man besser gar nicht beachten sollte.

      Ich glaube, all das Negative, was man im Web so zu lesen kriegt (Verschwörungstheorien jedweder Art) färbt auf uns ab. Selbst bei Leuten mit kritischer Distanz. Das könnte bei dem Potenzial, das das Medium besitzt, eine Dynamik entwickeln, die ungeahnte Auswirkungen auf unser Zusammenleben hat. Wenn du immer wieder liest, wie beschissen Deutschland ist, wirst du es irgendwann wirklich glauben. Und ehrlich gesagt, da bin ich ganz anderer Meinung. Es ist vieles schlecht und mittelschlecht. Aber trotzdem lebe ich gern hier. Ich mag die Miesmacherei nicht, obwohl ich selbst nach Kräften mitarbeite – mit vielen Kommentaren und Beiträgen. Ich sollte mich also zusammenreißen. ;)

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