Wir sollten wieder lernen, was Toleranz ist
Der Gesetzgeber sollte daher die religiös motivierte Knabenbeschneidung ausdrücklich als rechtmäßig anerkennen. Fortschritt und Aufklärung würden dadurch nicht beeinträchtigt, Deutschland würde nicht zu einem religiösen Staat. Zur Aufklärung gehört wesentlich die Toleranz, das Aushalten von Auffassungen, die man nicht teilt. Die Grenzen der Toleranz liegen erst dort, wo ihre Voraussetzungen in Frage gestellt werden. Der kleine Schnitt tut das nicht.
— Prof. Dr. Dr. Alexander Ignor ist Anwalt für Strafrecht in Berlin. Außerdem lehrt er an der Humboldt-Universität zu Berlin Strafrecht, Strafprozessrecht und mittelalterliche und neuzeitliche Rechtsgeschichte. Er ist Vorsitzender des Strafrechtsausschusses der Bundesrechtsanwaltskammer.
Diesen Text habe ich dem heutigen Artikel im Cicero entnommen. Interessant, wie unterschiedlich auch Juristen das Thema sehen. Dass Thomas Stadler Politikern schlankweg Populismus unterstellt, ist typisch für unsere Gesellschaft. Natürlich sieht er sich in größtmöglicher Übereinstimmung mit den Meinungsführern im Internet. Doch Gott sei Dank gibt es eine Haltung, die dem klar entgegensteht.
Ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass der Cicero-Text mich natürlich in meiner Auffassung bestärkt, dass unser plötzliches Interesse an diesem Thema mit unserer drastisch nachgelassenen Bereitschaft einhergeht, das zu auszuüben, wozu wir jahrzehntelang vernünftigerweise angehalten wurden. Aber wir haben dafür gesorgt, dass schon das Wort Toleranz heute einen negativen Klang hat.
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