Deutsche Fußballnationalmannschaft: Label und Hoffnung
Ich denke, man muss nicht in die Ukraine oder nach Polen zur Fußball-EM fahren, um auf nationalistische deutsche »Fan« – Gruppen zu stoßen. Die Eindrücke, die wir in den hiesigen Fußball-Stadien gewinnen können, ergänzen sich mit den Hass-Artikeln, die wir im deutschsprachigen Internet finden oder mit den polizeigeschützten Prozessionen rechtsnationaler Gruppen. Glücklicherweise stoßen letztgenannte »Erscheinungen« auf ordentlich viel demokratische Gegenwehr.
Im Internet gerieren sich Nationalisten als »besorgte« Bürger, die u.a. die schwere Aufgabe übernommen haben, uns die Augen über die Folgen der fehlgeschlagenen Migration zu öffnen. Kriegen »wir« es nicht hin, also folgen wir nicht ihrer »Linie«, bekommen wir das Etikett des Dhimmis verpasst. Es finden sich aber auch durchaus andere, weniger freundliche Schimpfwörter.
Solche Websites haben enorm viele LeserInnen (zigtausend Besucher am Tag), was sich leicht an der Anzahl der vielfach unsäglichen Kommentare ablesen lässt. Abweichende Meinungen findet man in solchen Threads so gut wie nie, weil dort eine Art Apartheid herrscht. Die Moderatoren der Blogs entsorgen unliebsame Kommentare. Differenzierte Meinungsbilder sucht man vergebens. Umso bedrückender ist es, dort zu lesen. Für mich sind die Ausflüge dorthin wie Besuche in einem Gruselkabinett. Ja, ich lese dort trotzdem. Vor allem aufgrund der großen Leserschaft ziehe ich teilweise Rückschlüsse auf die Befindlichkeit unserer Gesellschaft. Mich erschreckt das – immer wieder und immer mehr.
Wie kritisch soll man unter diesen Voraussetzungen mit sich sein, wenn man voller Begeisterung am Bildschirm den Spielen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft folgt? Gilt es als Nationalismus, wenn wir uns ein paar deutsche Nationalflaggen an die Rückspiegel oder ans Dach des Autos klemmen und Özil, Boateng und Khedira von lauten »Deutschland, Deutschland« – Rufen beleitet, das gegnerische Tor stürmen?
Erst vor ein paar Tagen habe ich in einem Blog Naziblog einige abfällige Kommentare über die »Migrantentruppe« gelesen und mich gefragt, wie groß die Probleme sein müssen, die diese Leute mit sich herumtragen. Die Kommentarschreiber mochten die Spiele der Deutschen Nationalmannschaft deshalb nicht mehr ansehen, weil sie Deutschland nicht mehr verkörpern würde. Zur Beschreibung der eigenen Sichtweise wurden deutliche Worte befunden. Auf deren Wiedergabe will ich hier verzichten!
In unseren Bundesliga-Mannschaften spielen sehr viele Ausländer. An diese Tatsache haben wir uns längst gewöhnt. Trotzdem gibt es auch heute immer noch in unseren Stadien rassistische Ausfälle. Vielleicht geschehen manche dieser Dinge aus Frust darüber, dass man ein Spiel verloren hat und »es war nicht so gemeint«. Aber sieht man nicht gerade an diesen Beispielen, dass der Rassismus lebt? Natürlich ist er nicht auf Deutschland begrenzt – geschenkt.
Wir Deutsche leben mit unserer Vergangenheit. Viele haben zu ihr ein verkrampftes Verhältnis – immer noch. Es ist wichtig, dass wir uns an die NS-Vergangenheit erinnern und uns vergegenwärtigen, wohin der Faschismus die Menschen treiben kann. Nach Jahrzehnten kann man jedoch keine moralischen Ansprüche mehr aus dieser Erfahrung ableiten. Die Generationen der Täter sind fast verschwunden und mit ihnen weitgehend auch die Zeitzeugen, die einen aufklärerischen Beitrag leisten könnten und wollten.
Die EM-Partys wirken manchmal ein bisschen aufgesetzt. Dann denke ich, sie sind eher Selbstzweck als dass sie den Sinn haben, die Erfolge unserer Nationalmannschaft zu feiern. Aber das liegt wohl an mir. Ich gönne allen ihren Spaß – übrigens auch mir und auch all denen, die mit ihren deutschen Flaggen, Wimpeln, Aufklebern und was weiß ich nicht, diese paar Wochen mal so richtig ausgelassen feiern. Nationalistische Tendenzen kann ich darin nicht sehen.
Trotzdem sehe ich eine allgemeine Zunahme von Rassismus und Nationalismus in unserem Land. Mit Fußball und damit, wie wir ihn feiern, hat das in meinen Augen nichts zu tun. Eher mit der Schuldenkrise der EU-Länder und mit diesen verdammten Vorurteilen, von denen manche Menschen einfach nicht lassen können.
Foto: Markus Merz, Flickr.com