Der nette Kerl will für einen “Hungerlohn” nicht mehr arbeiten
Das war ein netter Kerl, der uns gestern Abend bei “Anne Will” erklärte, weshalb er für 900 Euro Lohn morgens nicht mehr aus seinem Bett aufstehen möchte, deshalb bei TNT gekündigt und sich arbeitslos gemeldet hat. Vielleicht deshalb waren die Diskussionsteilnehmer nicht geneigt, ihn dafür so zu kritisieren, wie es wohl angebracht gewesen wäre. Roland Koch hätte es vermutlich getan, und ich hätte ihm aus vollem Herzen recht gegeben.
Fabian Stölzel ist 26 Jahre alt und war bis Ende 2009 bei TNT in Hamburg als Briefzusteller tätig. Sein Stundenlohn lag bei 7,60 Euro. Das war ihm zu wenig. Er konnte sich nichts leisten und hatte keine Lust, das ihm zustehende Geld eines Hartz-IV-Aufstockers zu beantragen.
Auch als Gegner von Niedriglöhnen muss ich einsehen, dass in diesem Fall die Forderung nach einem Mindestlohn wenig überzeugend wäre. Schließlich würde der von der Opposition geforderte Mindestlohn die 7,60 Euro nicht einmal erreichen. Der läge nämlich, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, einige Cents darunter. Die Linkspartei forderte zwar erheblich mehr und auch der DGB verlangt inzwischen deutlich über 7,50 Euro. Die SPD hat ihre Forderung ebenfalls nach oben “angepasst”.
Die 900 Euro reichen Fabian jedenfalls nicht, um auch mal ins Kino und danach nett essen zu gehen. Statt also seinen Job weiter zu machen, hat er gekündigt und die übliche 3monatige Sperre des Arbeitslosengeldes I in Kauf genommen. Die Gäste auf Anne Wills Sofa haben sich im Sinne des behandelten Themas in der Vergangenheit bereits mehrfach als Fehlgriffe erwiesen. Das sitzen z.B. Rentner, die während ihres Berufslebens kaum “geklebt” haben und die sich in der Sendung darüber beklagen, keine ausreichende Rente zu bekommen oder Betriebsräte, die Dinge über ihr Unternehmen erzählen, die wenig überzeugend klangen.
Ich bin kein Fan von Zeitarbeit und Herrn Gerster in seiner heutigen Eigenschaft als Unternehmensberater und Lobbyist für diesen Wirtschaftsbereich wiederzusehen, hat mir nicht gefallen.
Nicht erst seit “Schlecker” und den unsäglichen Praktiken dieses Unternehmens bin ich überzeugt davon, dass sie im Grund nichts anderes sind, als eine bequeme Möglichkeit für Unternehmen, ihre Stammbelegschaften unter Druck zu setzen. Der Sinn der Zeitarbeit, der der Öffentlichkeit bei ihrer Intensivierung im Rahmen der Agenda 2010 verkauft wurde, nämlich, dass Menschen über dieses Instrument leichter wieder in ersten Arbeitsmarkt kommen würden, hat sich wohl als Irrtum erwiesen.
Der Personalaustausch funktioniert heute nicht mehr von der Zeitarbeitsfirmen in die Unternehmen, sondern leider umgekehrt und das zu deutlich schlechteren Bedingungen. Viele Unternehmen benutzen das Instrument der Zeitarbeit ausschließlich zu ihrem eigenen Vorteil, was zwangsläufig auch bedeutet, dass dies gegen die Interessen der betroffenen Arbeitnehmer ist. Der Gesetzgeber ist hier dringend gefordert.
Und da bin ich wieder bei Fabian Stölzel. Ich verstehe gut, dass er ein Problem mit den Bedingungen hat, unter denen er bei TNT arbeiten ging. Es sollte so sein, dass für einen Fulltime-Job ein auskömmlicher Lohn gezahlt wird. Wenn man mit dem Lohn aber nicht zufrieden ist, sucht man sich (auch heute) einen neuen Job und kündigt nicht ohne einen solchen gefunden zu haben, seine Arbeitsstelle. Zugute halten muss ich Fabian, dass er die Hoffnung hat, innerhalb der 3monatigen Sperrzeit bereits einen neuen (hoffentlich besser bezahlten) Job gefunden zu haben. Ich wünsche ihm, dass das auch klappt. Sonst macht sich das nämlich (nicht nur in den Papieren) nicht so gut.